Letzte Aktualisierung: 13. November 2008

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Duale Strategie Center Parcs und Sunparks - Pressemitteilung unter Center Parcs // 3. Aktionstag in Tossens - Sensationelle Leistung der Tossenser Bürger!! // Spiel- und Abenteuerfest ein voller Erfolg // Prellballer mit einem Super 2. Platz //

Tod in Tossens von Natascha Manski

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Natascha Manski wurde 1973 in Nordenham geboren. Nach dem Abitur hat sie Politik, Geschichte undmarschmenschen Anglistik in Köln und Cambridge studiert und anschließend ein Volontariat bei einer Tageszeitung in Oldenburg absolviert.
Heute arbeitet Natascha Manski als Redakteurin in Brake und lebt in Oldenburg.

Ihr aktuelles Buch “MarschMenschen” beinhaltet viele Geschichten aus der Region. Viele weitere Informationen findet Ihr auf Ihrer Homepage unter: www.natascha-manski.de
Das Buch MarschMenschen - Kurzgeschichten von der Küste ist erschienen bei BoD
ISBN-13: 978-3837012972, für 6,95 €.

Tod in Tossens

 

Die Frau

 

Bettina Schneider drehte sich um. Schon den ganzen Tag hatte sie das Gefühl, dass jemand sie verfolgte. Langsam sah sie sich in der großen Empfangshalle des Center Parcs in Tossens um und betrachtete die Menschen, die in den Sitzgruppen saßen und warteten. Ein Kellner aus dem Restaurant kam vorbei, winkte mit ein paar Speisekarten und grüßte sie freundlich.

Alles war wie immer.

Und doch war irgendetwas anders.

Bettina Schneider strich die Prospekte glatt, die ein Gast auf dem Tresen vergessen hatte, und machte sich wieder an die Arbeit. Hier gab es immer eine Menge zu tun. Die Gäste mussten begrüßt, Fragen beantwortet und das Telefon bedient werden. Sie mochte ihre Arbeit am Empfang des größten Hotels in ganz Butjadingen. Fast 2.000 Gäste konnten hier gleichzeitig ihren Urlaub verbringen, rund 180 Mitarbeiter waren in der Ferienanlage beschäftigt. Und eine davon war sie. Seit zwei Jahren schon. Darauf war sie stolz, auch wenn sie das nie zugeben würde. Sie dachte daran zurück, wie unsicher und unbeholfen sie am Anfang gewesen war. Und unscheinbar. Sie lächelte.

Das hatte sich gründlich geändert.

Dass ihr Chef sie mochte und zufrieden war mit ihrer Arbeit, hatte er ihr im letzten Mitarbeitergespräch gesagt. „So eine wie Sie brauchen wir hier – fleißig, immer freundlich und hilfsbereit“, hatte er gemeint. Danach hatte er sie gefragt, ob sie nicht ganztags hier arbeiten möchte. Arbeit genug sei ja da.

Da hatte sie ein Ziehen im Magen verspürt und an Christian gedacht. Ihr Mann hatte es zuerst für eine gute Idee gehalten, dass sie ein bisschen mit dazu verdiente. Das Haus, zwei Kinder, ein großes Auto – das Geld musste ja irgendwo herkommen. Doch je mehr sie in ihrem Job aufging, je mehr Wert sie auf ihr Äußeres legte, desto mehr zog er sich zurück. Für wen sie sich neuerdings so schick mache, hatte er gefragt. Warum sie so gut gelaunt durch die Gegend stolziere, wollte er wissen. Er hatte sogar bemerkt, dass sie eine neue Frisur trug, das war ihm vorher noch nie aufgefallen. Und mit was für Gästen sie denn so zu tun habe, hatte er auch gefragt.

Mit vielen, hatte Bettina geantwortet. Das stimmte. Die meisten blieben nur zwei, drei Tage, reisten wieder ab, und drei Stunden später rollten neue Urlauber ihren Trolley über den Hotelflur. Einer blieb allerdings länger. Und kam auch nur wegen ihr. Ob Christian etwas ahnte?

Sie schob den Gedanken beiseite und guckte auf die Uhr. Schon nach 17 Uhr. Feierabend.

Nur dreihundert Meter waren es vom Center Parc bis zum Tossenser Strand. Oder genauer gesagt, zum Friesenstrand, wie er jetzt hieß. Bettina mochte die Küste.  Jeden Tag nutzte sie die Nähe des Center Parcs zum Strand und machte nach der Arbeit einen Abstecher an die Wasserkante. Und im Sommer war es hier besonders schön: Das Sand’ Art Festival fand noch bis Mitte August statt, sieben Figuren  –  alle mehrere Meter hoch und aus feinem Sand geschnitzt –  bevölkerten den Strand.

Eine Windböe schlug ihr entgegen, als sie die Tür des Hotels öffnete. Ungewöhnlich kühl war es für einen Tag im Juli, das Thermometer zeigte gerade mal 16 Grad an.  Bettina ging zügig die Strandallee entlang, die direkt auf den Deich zulief. Nur wenige Touristen hatten sich heute hierher verirrt.

Kein Wunder, es war mehr als ungemütlich. Kalter Westwind wirbelte feinen Sand durch die Luft und rüttelte lautstark an den Planen der Veranstaltungsbühne. Bettina zog den Reißverschluss ihres Anoraks zu und stemmte sich gegen den Wind. Neben ihr fing ein Kind zu weinen an und zog seinem Papa, der eine Sandfigur betrachtete, am Hosenbein. 

Bettina ließ die Gebilde aus Sand hinter sich zurück und ging weiter. Nach einigen Metern dreht sie sich um, bestimmt zum siebten Mal an diesem Tag. Dunkle Wolken hatten sich mittlerweile vor den letzten blauen Fleck am Himmel geschoben und tauchten die Kunstwerke in eine  bizarre Atmosphäre. Du spinnst, sagte sie sich.

Es ist alles wie immer. Nur kälter.

Bettina lächelte leicht und ging zur Wasserkante, vorbei an einer Reihe von Strandkörben, die fleißige Helfer umgedreht und vergittert hatten. Wahrscheinlich wegen einer Sturmflutwarnung.

Hier war niemand mehr, von Touristen weit und breit keine Spur. Bettina sog die frische Luft ein und ging Richtung Süden. Der Wind zerrte an ihr und ließ ihren Gang unsicher und wackelig aussehen. Heute wird’s nur ein kleiner Gang, sagte sie sich und schaute nach links zu den bunten Strandkörben, die die Sicht zum Friesenstrand versperrten. Sie unterdrückte den Reflex, sich umzudrehen. Es wäre das achte, das neunte Mal? Nein, sie würde sich nicht umdrehen, dieses Mal nicht.

Hätte sie es getan, würde sie bemerkt haben, dass sich ihr eine Gestalt näherte. Groß, schlank, in einem dunklen Anorak, das Gesicht von der Kapuze verhüllt. Sie hätte sich gewundert, warum er so schnell ging. Hatte er es eilig? Wollte er etwas von ihr? Ihr wären seine nervösen, abrupten Bewegungen aufgefallen, und die Tatsache, dass er nun knapp hinter ihr stand und noch immer nichts sagte. Stattdessen griff er in seine Anoraktasche und zog etwas Glänzendes heraus. 

Sie spürte keine Schmerzen, als sich das Messer von hinten in ihr Herz bohrte. Sicher, da war ein kurzer, stechender Blitz, der durch ihren Körper fuhr. Aber danach fühlte es sich warm und weich an, fast als hätte man sie in Watte gelegt. Sie dachte an Christian, an die Kinder, an ihre Eltern. Und an den Hotelgast, der gerne länger blieb. Morgen würde er wieder nach Tossens kommen. Sie spürte, dass sie ihn nicht mehr wiedersehen würde. Das war er also, der Tod? Er war nicht schlimm, nicht schmerzhaft. Im Gegenteil, er hüllte alles in eine große Gleichgültigkeit. Es war ihr egal, dass sie keine Kraft mehr hatte, zu stehen. Bettina Schneider taumelte und sank auf die Knie. Der Sand war hart, als sie schließlich mit dem Gesicht aufschlug.

 

Der Kommissar

 

„Da wusste jemand, was er tat“ – das war das erste, was Udo Thale dachte, als er sich dem leblosen Körper näherte. Der Hauptkommissar des Polizeikommissariats in Nordenham hob das rot-weiße Flatterband hoch, mit dem die Kollegen des Einsatz- und Streifendienstes den Tatort abgesperrt hatten, und ging auf den Körper zu.

Die Frau lag auf dem Bauch, ihr Gesicht war von den hellbraunen Haaren bedeckt, die sich aus ihrem Haargummi gelöst hatten. Auf ihrem Rücken war der blaue Nylonstoff blutdurchtränkt. Ein etwa drei Zentimeter langer Riss im Anorak gab den Blick auf eine tiefe Wunde frei.

Thale beugte sich über den Körper. Das hier sah nicht nach einer Affekthandlung aus, nicht nach einem Streit, der tödlich endete. Hier hatte sich jemand an das Opfer herangeschlichen und es gezielt getötet, mit einem Messer wahrscheinlich. Er sah sich den Schnitt genauer an. Dass das möglich war, wusste Thale. Aber man musste es vorher planen. Und genug Wut im Bauch haben, um diesen Vorsatz auch auszuführen. Jemanden zu hassen, war eine Sache. Sich ein Messer zu besorgen, an das Opfer heranzuschleichen und es dann in den Rücken durch die Lunge mitten ins Herz zu stoßen, eine ganz andere. Dafür brauchte man ein Motiv, und zwar ein starkes.

Udo Thale seufzte und stand auf. Der 57-Jährige zündete sich eine Zigarette an und ging zu dem Kollegen, der dabei war, den Inhalt der Handtasche des Opfers zu untersuchen. 

„Und?“, fragte Thale knapp.

„Bettina Schneider aus Eckwarderhörne, 39 Jahre alt.  Wahrscheinlich verheiratet, zwei Kinder, sie hat Fotos in ihrem Portemonnaie. Offenbar hat sie im Center Parc gearbeitet, wir haben einen Mitarbeiterausweis gefunden“, gab der Polizeibeamte zurück, hielt Thale eine Plastikkarte hin und räusperte sich tief. Auch für ihn war ein Mord keine Routine. „Dr. Rosenberg hat ihren Tod bereits festgestellt.  Und die Kollegen der Spurensicherung in Cuxhaven sind vor einer halben Stunde losgefahren. Soll ich auch die Rechtsmedizin in Oldenburg verständigen?“

Thale nickte und sah sich um. Der Täter hätte sich keinen besseren Tag aussuchen können. Der Westwind hatte noch zugenommen, am Himmel jagten die Wolken über den dunklen Himmel, und das Meer warf sich unruhig an die Küste. Man rechnete mit einer Sturmflut, das hatte er im Radio gehört, als er auf dem Weg von Nordenham über Stollhamm nach Tossens gefahren war. Die Chance auf brauchbare Zeugenaussagen war minimal, bei diesem Wetter trauten sich nicht mal die härtesten Nordseefans an die Küste. Trotzdem, sie mussten es probieren. Thale teilte die Kollegen ein – zwei Uniformierte sollten sich am Strand und auf dem Campingplatz umhören, ein weiterer im Dorf und im Center Parc, vielleicht ist den Kollegen des Opfers etwas aufgefallen.

Er selbst hatte eine weitaus schwierigere Aufgabe. Entweder sprach er gleich mit einem Mann, der am Boden zerstört war oder mit einem potenziellen Mörder.

Udo Thale zündete sich die nächste Zigarette an und setzte sich hinters Steuer seines Dienstwagens.

Er war genervt.

Wieso jetzt? Nur noch fünf Tage bis zu seinem Urlaub. Er war mit seiner Frau und den Kindern schon seit drei Jahren nicht mehr verreist. Dieses Jahr klappt es auf jeden Fall, hatte er ihnen versprochen, und bereits ein Ferienhaus in Dänemark gebucht. Sie saßen quasi auf gepackten Koffern. Da durfte jetzt nichts dazwischen kommen.  

Udo Thale ließ den Wagen an und fuhr Richtung Süden am Deich entlang nach Eckwarderhörne.

Der Mann, der ihm zehn Minuten später die Tür öffnete, war groß, kräftig und trug einen Bademantel. Er war verschwitzt und hatte ein rotes Gesicht. „Ja, bitte?“, sagte er fragend und fuhr sich durch die Haare, die noch feucht waren. Udo Thale zeigte seinen Dienstausweis.

„Darf ich reinkommen?“

Nachdem der Hauptkommissar Christian Schneider vom Tod seiner Frau unterrichtet hatte, beobachtete er seinen Gesprächspartner genau. Er wirkte geschockt, traurig und hilflos.

Die Frage, wo er sich zum Tatzeitpunkt befand, beantwortete er ohne Umschweife. Hier, zuhause, in der Sauna. Er habe bis 16 Uhr in seinem Büro in Burhave gearbeitet, das er als selbstständiger Versicherungsmakler unterhalte, und sich dann auf den Weg nach Hause gemacht. Um ein wenig zu entspannen, hätte er sich für einen Saunagang entschieden.

Christian Schneider wirkte aufgelöst.  „Wer tut denn so etwas?“, fragte er Thale mit verzerrtem Gesicht und goss sich einen weiteren Whisky ein, den dritten seit der Nachricht vom Tod seiner Frau. Auch auf die Fragen nach seinem Privatleben reagierte Christian Schneider nicht aggressiv, sondern fast verständnisvoll, fand Thale. Probleme habe es keine gegeben. „Wir sind…“, er stockte und berichtigte sich, „…wir waren eine ganz normale Familie“. Lediglich über die Frage, ob ihm in letzter Zeit irgendetwas Besonderes aufgefallen sei, dachte er lange nach. „Nur eine Kleinigkeit, aber die ist wahrscheinlich völlig unbedeutend“. „Ja?“, half Thale weiter.

Christian Schneider sah den Hauptkommissar direkt an. „Sie fühlte sich verfolgt.“

Drei Stunden später setzte Udo Thale seine Brille ab und rieb sich die Augen. Es war mittlerweile nach 21 Uhr, und er saß mit drei Kollegen in dem kleinen Dienstbesprechungszimmer auf der Wache in Nordenham. Informationen zu sammeln und auswerten – das ging am Besten im Team, hatte er in seiner langen Dienstlaufbahn festgestellt.  Und die Beamten hatten tatsächlich einiges zu berichten. Verwertbare Spuren am Strand habe man kaum gefunden, ein kräftiger Regenguss und der starke Wind hätten fast alles vernichtet. Aber über das Opfer hatten die Beamten Informationen in Erfahrung bringen können. Freundlich und nett sei sie gewesen, hatte eine Kiosk-Besitzerin und die Mitarbeiterin eines Blumengeschäfts zu berichten gewusst. Zuverlässig und fleißig ebenfalls, hatten die Kollegen im Center Parc den Polizisten in den Block diktiert. Aber auch ängstlich, hatte eine Kollegin, mit der sie offenbar näher befreundet war, im Gespräch mit den Uniformierten hinzugefügt.

Thale setzte seine Brille wieder auf.

„Warum?“, fragte der Hauptkommissar Jürgen Harmsen, goss sich Kaffee nach und sah den Kollegen zu seiner linken an. „Offenbar hatte sie den Eindruck, dass sie jemand verfolgt“, sagte der Kollege und sah in die Runde. Er war ein wenig unsicher, weil er plötzlich im Mittelpunkt stand.

„Dazu passt“, fügte er kurze Zeit später hinzu, „dass einigen Mitarbeitern im Center Parc ein Mann aufgefallen ist, der sich häufiger in ihrer Nähe aufhielt.“  Manfred Muthwas, nach Thale der älteste  Polizist im Team, hakte ein: „Das gleiche konnte der Mitarbeiter von der Postagentur im Markant Markt an der Strandallee berichten, da war sie fast jeden Nachmittag, um Briefe abzugeben oder Wertzeichen für den Center Parc zu kaufen. Mehrmals hat er einen Mann gesehen, der sich am Eingang oder bei den Kartenständern herumgedrückt hat.“

Udo Thale nahm einen Schluck Kaffee. „Können die Zeugen den Mann beschreiben?“.

Die Beamten nickten.

„Dann geben wir jetzt mal Gas“, sagte Thale und stand auf, „während Manfred die Zeugen ins Präsidium schafft, treibt Jürgen unseren Spezialisten für die Phantomzeichnungen auf“. „Und was machst Du?“, fragte Harmsen und packte seine Sachen zusammen. Thale trank den letzten Schluck Kaffee. „Ich kümmere mich um die Lokalpresse.“

Er warf einen Blick auf die Uhr. Heinz Rohe würde ihn lynchen. Der Redakteur hasste es, seine Seitenplanung umzuschmeißen, und der offizielle Redaktionsschluss war um 22.30 Uhr. Es musste also schnell gehen. Aber dafür könnte der Journalist morgen der Konkurrenz voraus sein.

Udo Thale war nicht sicher, ob er auf der richtigen Spur war. Er wusste nur, dass er schnell Ergebnisse liefern musste. Alles andere konnte er nicht gebrauchen.

So kurz vor seinem Urlaub.

 

Der Detektiv

 

Kalter Schweiß lief Manfred Lenkemeyer den Rücken hinunter. Er hatte seinen Tag wie immer begonnen, war eine halbe Stunde gejoggt, hatte die Zeitung aus dem Briefkasten am Gartentor mitgebracht, hatte anschließend geduscht und saß nun mit einem Becher Kaffee am Frühstückstisch.

Doch er war nicht im Geringsten darauf vorbereitet, was ihn bei seiner morgendlichen Lektüre erwarten würde. Hypnotisiert starrte er auf das Bild, das den Artikel der Nordwest-Zeitung zierte. „Mord am Tossenser Strand“ titelte das Blatt in fetten Lettern auf der Butjadingen-Seite. Und in der Unterzeile hieß es „Opfer offenbar erstochen –   Polizei sucht Tatverdächtigen“. Darunter sah Lenkemeyer – sich selbst. Die Polizei hatte eine Phantomzeichnung angefertigt und sie an den Lokaljournalisten weitergeleitet. Der Mann auf dem Bild hatte dünnes, dunkelblondes Haar, braune Augen und eine hohe Stirn, war schlank und trug eine randlose Brille.

Es gab keinen Zweifel: Die Polizei suchte ihn, Manfred Lenkemeyer.

Fieberhaft überflog er den Artikel. Als er ihn fünf Minuten später durchgelesen hatte, faltete er die Zeitung und legte sie auf den Tisch.

Bettina Schneider war tot?

Und die Polizei sah in ihm den Hauptverdächtigen? 

Er musste seine Gedanken ordnen.

Eigentlich hatte er nichts zu befürchten, musste sich nichts vorwerfen lassen. Er hatte seinen Job gemacht, mehr nicht.

Ob das die Polizei auch so sah?

Er würde ihnen einfach seine Version der Geschichte erzählen. Dass Christian Schneider ihn vor drei Wochen angesprochen hatte mit der Bitte, „ein bisschen zu beobachten, was meine Frau so macht“. Ganz sicher war sein Aufraggeber gewesen, dass sie eine Affäre hat, „so wie die neuerdings rumläuft“. Nur die Beweise hatten ihm noch gefehlt. Und hier war Lenkemeyer ins Spiel gekommen. Er hatte sie beschattet, war ihr gefolgt. Er hatte beobachtet, mit wem sie sprach und was sie tat.

Bis gestern Abend.

Auch da war er ihr auf den Fersen. Er hatte sich bereits an ihre regelmäßigen Spaziergänge nach Feierabend gewöhnt und wollte auf dem Parkplatz am Center Parc auf sie warten. Als sie nach einer halben Stunde immer noch nicht zurück war, hatte er die Aktion abgebrochen und war  nicht an den Strand gegangen, um nach ihr zu sehen. Er hatte nicht riskieren wollen, dass sie ihn entdeckte. Sie hatte ihn schon zwei Mal in den vergangenen Wochen gesehen und ihm dabei einen durchdringenden Blick zugeworfen. So, als ob sie geahnt hätte, dass er ihr folgte. Deswegen war er nicht an den Strand gegangen, sondern hatte seinen schwarzen Corsa von dem Parkplatz über die Strandallee in den Ort gelenkt und war dann über Roddens nach Eckwarden gefahren. Vor seinem Haus hatte er den Wagen abgestellt und war noch auf ein Bier in den Eckwarder Hof eingekehrt.

Er hatte Bettina Schneider nicht umgebracht. Aber wer war es dann? Ihr Liebhaber, den es – soviel hatte er in den vergangenen Wochen herausgefunden – in der Tat gab? Ihr Ehemann? Und damit gleichzeitig sein Aufraggeber?

Manfred Lenkemeyer stand auf und suchte das Telefon. Noch nie hatte er Christian Schneider angerufen, aber nun würde er diesen Kodex brechen. Er musste mit ihm sprechen. Fieberhaft suchte er sein abgegriffenes Adressbuch und tippte anschließend eine dreistellige Nummer in das Display eines schnurlosen Telefons. Nach 15 Klingelzeichen legte er auf.

Christian Schneider nahm nicht ab.  

Plötzlich erstarrte Manfred Lenkemeyer.

Er hatte keinerlei Beweise dafür, dass Schneider ihm den Auftrag erteilt hatte.

Es gab keine Faxe, keine E-Mails, nicht einmal Rechnungen. Schneider hatte sich mehrmals mit ihm getroffen und immer bar gezahlt. Davon profitierten schließlich beide, hatte er behauptet, so müsste das Geld nicht durch die Bücher. Und von dem Auftrag hatte er ihm beim Bier erzählt, im Eckwarder Hof. Danach hatten sie sich jeden Mittwoch getroffen. Er hatte Schneider seine Beobachtungen erzählt, und sein Auftraggeber ihm dafür ein paar Scheine über den Tresen geschoben.

Schriftliche Dokumente hatte er nie verlangt. Er glaube ihm auch so, hatte Schneider gemeint und hinzugefügt, dass er alle Geschäfte so mache, per Handschlag. Auch Anrufe zuhause oder auf dem Handy hatte er abgelehnt. Zu gefährlich, so Schneider, auf keinen Fall sollten seine Frau oder seine Kinder seinen Namen kennen.

Lenkemeyer fühlte, dass er langsam panisch wurde.

Und natürlich hatte man ihn häufig in Bettina Schneiders Nähe gesehen – er hatte sie ja schließlich beschattet. Auch gestern, erst im Center Parc und dann auf dem Parkplatz. Die aufsteigende Panik mischte sich mit einer plötzlichen Wut auf sich selbst. Was für ein Idiot er doch war! Er konnte sich nicht mal als Privatdetektiv ausweisen, er hatte bisher zwei kleinere Fälle nebenbei bearbeitet, die ihm privat vermittelt worden waren. Schneider, den er über  einen Bekannten kennen gelernt hatte, war sein erster größerer Fall.

Er hatte ein Problem, und nur einer konnte ihm jetzt helfen.

Der Privatdetektiv griff zum Telefon und drückte auf die Wahlwiederholung.

 

Der Mann

 

Christian Schneider bekam Kopfschmerzen. Er wusste nicht, wie oft das Telefon schon geklingelt hatte, irgendwann musste der Mann doch mal aufgeben. Der Anrufer war Lenkemeyer, davon war er überzeugt. „Unsere Geschäftsbeziehung ist beendet“, sagte er halblaut zu dem klingelnden Telefon und goss sich einen Weinbrand ein. Es war zwar erst 10 Uhr morgens, aber der plötzliche und tragische Verlust seiner geliebten Frau …er unterdrückte ein Lachen, hatte sich jedoch einen Augenblick später wieder im Griff.

Christian Schneider ging vom Esszimmer ins Wohnzimmer und setzte sich in den Ledersessel, den seine Frau so geliebt hatte. Langsam strich er mit der linken Handfläche über das raue Material der Armlehne. Natürlich hatte sie diesen Sessel gemocht. Er war ungewöhnlich und teuer, wie alles, was sie für das Haus ausgesucht hatte.

War das nicht der Anfang vom Ende gewesen? Ihre hohen Ansprüche und sein Unvermögen, ehrlich zu sein und Schwächen zuzugeben?

Christian Schneider stellte das Glas ab.

Bettina war seine zweite Ehefrau. Seine erste Ehe war eine Jugendsünde, das wusste er heute. In guten wie in schlechten Zeiten, hatten sie einander versprochen, und Christian Schneider hatte daran geglaubt. Wie so viele andere Paare auch, hatten sie die schlechten Zeiten nicht einmal kennen gelernt. Sie hatten sich auseinander gelebt, angeschwiegen, sich nichts mehr zu sagen gehabt. Irgendwann zog die Liebe seiner Jugend aus, das Kind nahm sie mit. Was folgte, waren ewige Streitereien. Es ging um Geld, um Besuchsrechte, es ging um neue Partner und um noch mehr Geld. Die Scheidung kostete viel Kraft, auch deshalb, weil das Scheitern einer Ehe für ihn ein Makel war. Nie wieder, das hatte er sich geschworen, nie wieder würde er ähnliches durchmachen müssen.

Dann hatte er Bettina getroffen. Offen, natürlich, unkompliziert, mit einem großen Herzen. Aber anspruchsvoll.

Christian lehnte sich im Sessel zurück, zündete sich eine Zigarette an und sah dem Rauch zu, der langsam an die Wohnzimmerdecke stieg.

Er hatte seine erste Frau natürlich weiterhin finanziell unterstützt und brav gezahlt. Parallel hatte er mit Bettina eine neue Existenz aufgebaut, die noch teurer wurde, als die Zwillinge da waren. Er hatte ein größeres Haus gekauft und ein komfortableres Auto und weiterhin zwei Urlaube im Jahr bezahlt. Noch ein Darlehen und ein weiterer Kredit –  Bettina hatte längst nicht von allen gewusst.

Er schuftete, machte Überstunden, vernachlässigte die Familie. Deshalb war er zuerst auch froh, als Bettina sich entschlossen hatte, halbtags im Center Parc zu arbeiten.

Seine rechte Hand, die das Weinbrandglas umschloss, verkrampfte sich, als er an die vergangenen Monate dachte.  

Plötzlich hatte Bettina sich verändert. War richtig aufgeblüht. Hatte sich eine neue Frisur zugelegt, kurze Röcke und enge Oberteile und war abends spät nach Hause gekommen. Er hatte sie zur Rede gestellt, bestimmt fünfmal, doch sie hatte nur gelacht.

Es sei alles wie immer, hatte sie gesagt.

Doch gemeinsam gegessen hatten sie abends nicht mehr. Und über seine Überstunden geschimpft hatte sie auch nicht mehr.  

Die Wahrheit hatte er schließlich von einem befreundeten Anwalt erfahren. Bettina war zu ihm gegangen und hatte sich ihm anvertraut, sie wollte wissen, ob er sie bei einer möglichen Scheidung vertritt. Und sein alter Freund Konrad, den Christian noch aus Schulzeiten kannte, hatte sich verpflichtet gefühlt, ihn vorzuwarnen. Hatte ihm erzählt, dass seine Frau seit fünf Monaten ein Verhältnis hatte. Mit einem Immobilienmakler. Und dass es offenbar ernst sei.

Seitdem bekam Christian die Bilder nicht mehr aus seinem Kopf. Rasend sein vor Eifersucht? Er wusste jetzt, dass es diesen Zustand gibt. Und er hatte erfahren, dass dieses Gefühl hartnäckig ist, sich im Magen festsetzt und die Seele zerfrisst.  

Das Klingeln des Telefons durchschnitt die Stille im Wohnzimmer. 

Zu Manfred Lenkemeyer hatte er gesagt, dass er endgültig Gewissheit haben möchte. Er hatte durch einen Bekannten von ihm gehört, wusste, dass er lange arbeitslos war und dringend Geld brauchte. Das war Christian Schneider recht, denn so würde Lenkemeyer auf jede Bedingung eingehen. Zum Beispiel auf die, alles unter vier Augen zu besprechen, nichts schriftlich festzuhalten. Es gab keine Belege dafür, dass er die Dienste des selbst ernannten Privatdetektivs je in Anspruch genommen hatte. Zurzeit war Lenkemeyer verdächtiger als er und Schneider hoffte, dass die Polizei den notorisch klammen Eigenbrödler ohne soziale Kontakte im Dorf ordentlich auseinander nehmen würde. Das verschaffte ihm Luft, um in Ruhe seine nächsten Schritte vorzubereiten.

Er wunderte sich, dass er nicht nervös war, sondern ganz ruhig. 

Ähnlich hatte er sich gestern am Strand gefühlt, als er auf Bettina gewartet hatte. Er wusste, dass sie jeden Abend nach der Arbeit ans Wasser ging. Und er wusste von Lenkemeyer, dass dieser gewöhnlich auf dem Parkplatz vor dem Center Parc auf Bettina wartete. „In nem’ Strandkorb werden sie sich ja wohl nicht treffen, oder?“, hatte Lenkemeyer ihn gefragt und blöde gelacht.

Christian Schneider hatte mit dem Kopf geschüttelt.

Es war ganz leicht, an einen der aufgereihten Strandkörbe gelehnt auf sie zu warten und dann zu verfolgen. Sie schaute nicht nach links, nicht nach rechts und stemmte sich entschlossen gegen den Wind. Als er bis auf einen Meter an sie herangekommen war, hatte er kurz innegehalten und den Metallgriff des Messers fester umklammert. Doch dann kamen die Bilder zurück, die er seit Wochen nicht loswurde.

Er hatte es sich schwerer vorgestellt, das Messer tatsächlich zu benutzen. Natürlich war er deutlich kräftiger als sie, aber sollte er nicht etwas Widerstand spüren? Er hatte gewusst, dass er genau zielen musste, damit der erste Stich tödlich wirkt.

Und er hatte genau gezielt.      

Christian Schneider zog ein letztes Mal an der Zigarette, drückte sie in dem alten Aschenbecher auf dem Beistelltisch aus und ging in die Küche.

Er sah aus dem Fenster, auf der Straße spielten ein paar Kinder mit einem Ball. Noch immer war es windig und kühl, der Sturm vom Vortag hatte sich noch nicht ganz gelegt. 

Es war alles wie immer.

Nur kälter.